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ERSTER VORTRAG Basel, 22. Dezember 1918

 

Vor Mitgliedern - GA 187 Wie kann die Menschheit den Christus wieder

#G187-1967-SE009 - Wie kann die Menschheit den Christus wiederfinden?
#TI
ERSTER VORTRAG
Basel, 22. Dezember 1918
#TX
Gleich zwei mächtigen Geistessäulen hat das christliche Welternpfin-den die beiden Jahresfeste, das Weihnachts- und das Osterfest, in den Jahreslauf hineingestellt, der da sein soll ein Symbolum für den menschlichen Lebenslauf. Und man darf sagen, in dem Weihnachts-gedanken und in dem Ostergedanken stehen vor der menschlichen Seele jene beiden Geistessäulen, auf denen verzeichnet sind die beiden großen Geheimnisse physischen menschlichen Daseins, auf welche der Mensch in einer ganz andern Art hinblicken muß als auf andere Er­eignisse seines physischen Lebenslaufes. Gewiß, es ragt in diesen phy­sischen Lebenslauf - durch Sinnesbetrachtung, durch Verstandesurteil, durch Gefühl und Willensinhalt - Übersinnliches herein. Aber dieses Übersinnliche ist sonst ein unmittelbar sich als Übersinnliches Ankündendes, so wie etwa die christliche Weltempfindung es vet­sinnlichen will durch das Pfingstfest. Mit dem Weihnachtsgedanken aber und mit dem Ostergedanken ist hingewiesen auf jene beiden in dem physischen Lebenslauf sich vollziehenden Ereignisse, die durch­aus ihrem äußeren Anscheine nach physische Ereignisse sind, die aber entgegen allen andern physischen Ereignissen sich, so wie sie sind, nicht unmittelbar als physische Ereignisse ankünden. Man kann mit Naturanschauung das physische Leben des Menschen überblicken, und man kann mit Naturanschauung die Außenseite dieses physischen Lebens, die äußere Offenbarung des Geistigen sinnlich schauen. Man kann aber niemals sinnlich schauen, man kann auch nicht die Außen-seite, die äußere Offenbarung der zwei Grenzerlebnisse des mensch­lichen Lebenslaufrs sinnlich schauen, ohne daß man durch das sinn-liche Schauen selber auf das gewaltige Rätselhafte, auf das Geheimnis­volie dieser beiden Ereignisse hingewiesen wird. Es sind die Ereig­nisse von Geburt und Tod. Und im Leben des Christus Jesus - und an sie erinnernd im Weihnachts- und im Ostergedanken - stehen vor der menschlichen Seele diese beiden Ereignisse des menschlichen phy­sischen Lebens vor dem christlichen Gemüte da.
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Im Weihnachtsgedanken und im Ostergedanken will die mensch­liche Seele hinblicken auf die beiden großen Geheimnisse. Und so wie sie hinblickt, findet sie aus der Betrachtung lichtvolie Stärkung für den Gedanken, kraftvollen Inhalt für das menschliche Wollen, Auf-richtung des ganzen Menschen, aus welcher Lage heraus er auch immer diese Aufrichtung braucht. So wie sie dastehen, diese beiden Geistsäulen, der Weihnachtsgedanke und der Ostergedanke, so haben sie einen Ewigkeitswert.
Das menschliche Vorsteliungsvermögen hat sich aber vielfach im Laufe seiner Entwickelung in verschiedener Art genähert dem großen Weihnachtsgedanken und dem großen Ostergedanken. Während in den ersten Zeiten der christlichen Entwickelung, da die Wirkung des Ereignisses von Golgatha erschütternd in viele Gemüter eingezogen ist, die Menschen alirnählich sich hingefunden haben zu der Anschau­ung des auf Golgatha sterbenden Erlösers, während sie in dem am Kreuze hängenden Cruzifixus in den ersten Jahrhunderten des Chri­stentums den Erlösungsgedanken empfunden haben und sich da all­mählich ausgestaltet hat die große, gewaltige Imagination des sterben­den Christus am Kreuze, hat das christliche Empfinden, insbesondere als die neuere Zeit begonnen hat, sich mehr anpassend an den in der Menschheitsentwickelung heraufkommenden Materialismus, sich hin-gewendet zu dem Bilde des kindhaften, in die Welt tretenden, des geborenwerdenden Jesus.
Nun kann man ja allerdings sagen, daß man mit einer feineren Emp­findung in der Art, wie in den verflossenen Jahrhunderten das christ­liche Gemüt Europas sich hingewendet hat zur Weihnachtskrippe, etwas darin finden kann von materialistischem Christentum. Das Be­dürfnis - es ist nicht in einem schlimmen Sinne gemeint, wenn ich das sage -, gewissermaßen zu kosen mit dem lieben Jesulein, das ist ein triviales Bedürfnis geworden im Lauf der Jahrhunderte. Und man­ches heute noch als schön, oder wie manche Leute sagen, als herzig empfundene Lied auf das liebe Jesulein will uns den ernst gewor­denen Zeiten gegenüber heute doch zu wenig ernst anmuten.
Aber der Ostergedanke und der Weihnachtsgedanke, sie sind ewige Säulen, ewige Denksäulen des menschlichen Gemütes. Und man kann
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wohl sagen, daß in unserer Zeit neuer Geistesoffenbarungen auch neues Licht sich ergießen wird über den Weihnachtsgedanken, daß der Weihnachtsgedanke in einer grandiosen Weise allmählich in neuer Gestalt empfunden werden wird. Und an uns wird es sein, zu ver­nehmen aus dem Weltengeschehen heraus den Ruf nach Erneuerung mancher alten Vorsteliungswelt, den Ruf nach neuer Offenbarung des Geistes. An uns wird es sein, zu verstehen, wie ein neuer Weihnachts-gedanke zur Stärkung und Aufrichtung der menschlichen Seele sich herausarbeitet aus diesem Weltengeschehen.
Die Geburt und der Tod des Menschen, man mag sie noch so sehr zergliedern, noch so sehr anschauen, sie stellen sich dar als Ereignisse, die unmittelbar auf dem physischen Plane sich abspielen, und in denen Geistiges so waltet, daß niemand, der ernsthaft die Dinge betrachtet, sagen sollte, diese zwei Ereignisse, diese Erdenereignisse des mensch­lichen Lebens seien nicht so, daß sie unmittelbar als physische Ereig­nisse zeigten, indem sie sich am Menschen abspielen, wie der Mensch Bürger einer geistigen Welt ist. Keiner Naturanschauung kann es je gelingen, innerhalb dessen, was Sinne schauen können, was der Ver­stand begreifen kann, in Geburt und Tod etwas anderes zu finden als ein solches, in dem sich unmittelbar im Physischen das Eingreifen des Geistigen zeigt. So, in solcher Art treten nur diese beiden Ereignisse an das menschliche Gemüt heran. Und auch für das Weihnachtsereig­nis, für das Geburtsereignis wird das menschlich-christliche Gemüt immer tiefer und tiefer empfinden müssen den Mysteriencharakter dieses Ereignisses.
Man kann sagen, nur selten haben Menschen sich aufgeschwungen, im rechten Sinne zum Mysteriencharakter der Geburt hin ihren Blick zu wenden. Selten, aber dann in wunderbar tief in die menschliche Seele hereinsprechenden Vorstellungen. So in jener Vorstellung, die sich anknüpft an den schweizerischen Geisteshelden des 15. Jahrhun­derts, an Nikolaus von der Flüe. Von ihm wird erzählt - und er hat es selbst von sich erzählt -, daß er vor seiner Geburt, bevor er physische Luft außen atmen konnte, geschaut hat sein eigenes menschliches Bild, das er leibhaftig an sich tragen werde, nachdem seine Geburt wird eingetreten sein und sein Leben verlaufen wird. Und geschaut
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hat er vor seiner Geburt seinen Taufakt mit denjenigen Personen, welche anwesend bei diesem Taufakte und bei seinen ersten Erlebnis­sen waren. Mit Ausnahme einer einzigen älteren Persönlichkeit, die dabei war, die er nicht wiedererkannte, hat er die andern erkannt, weil er sie schon gesehen hatte, bevor er das Licht der Welt erblickt hat. Man nehme diese Erzählung auf, wie man sie aufnehmen will, aber man wird nicht urrin können, in ihr einen bedeutsamen Hinweis auf das Geburtsmysteriurn des Menschen zu sehen, welches so großartig symbolisiert in dem Weihnachtsgedanken vor der Weltgeschichte da-steht. Man wird hingewiesen finden in der Erzählung des Nikolaus von der Flüe, daß sich etwas mit dem Eintritt in das physische Leben ver­bindet, was nur durch eine sehr, sehr dünne Wand verborgen ist der gewöhnlichen menschlichen Anschauung des Alltags, durch eine dünne Wand, die durchbrochen werden kann, wenn ein solches kar­misches Verhältnis vorhanden ist, wie es bei Nikolaus von der Flüe vorhanden war. Noch da und dort tritt uns solch ergreifender Hin­weis auf das Geburts-Weihnachtsrnysteriurn entgegen. Aber man kann sagen: Wenig ist sich die Menschheit noch bewußt geworden, wie in den beiden Grenzsäulen des menschlichen Lebens Geburt und Tod unmittelbar in der physischen Welt dastehen als zwei schon in ihrer physischen Erscheinung sich offenbarende geistige Ereignisse, die nie­mals sich abspielen können innerhalb des bloßen Naturablaufes, son­dern in denen ein unmittelbares Eingreifen göttlich-geistiger Gewal­ten da ist, welches sich dadurch ankündigt, daß eben durch ihre phy­sische Erscheinung diese beiden Grenzerlebnisse des menschlichen physischen Daseinslaufes Geheimnisse bleiben müssen.
Sie lenkt uns nun hin, die neue christliche Offenbarung, diesen menschlichen Lebenslauf so zu betrachten, wie ihn, man darf wohl sagen, der Christus im 20. Jahrhundert von den Menschen betrachtet haben will. Wir gedenken heute, wo wir uns versenken wollen in den Weihnachtsgedanken, eines dem Christus Jesus in den Mund gelegten Ausspruches, welcher uns so recht hinweisen kann zu dem Weih-nachtsgedanken. Der Ausspruch heißt: «Und so ihr nicht werdet wie die Kindlein, so könnet ihr nicht eintreten in die Reiche der Himmel.» «Und so ihr nicht werdet wie die Kindlein...» es ist wahrhaft nicht
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eine Aufforderung daz:u, allen Mysteriencharakter abzustreifen von dem Weihnachtsgedanken, und den Weihnachtsgedanken herunter-zuziehen in die Trivialität des lieben Jesulein, wie viele Volks- und ähnliche Lieder, aber weniger Volks- als Kunstlieder, im Laufe der materialistischen Entwickelung des Christentums getan haben. Gerade dieser Ausspruch: «So ihr nicht werdet wie die Kindiein, so könnet ihr nicht eintreten in die Reiche der Himmel», er läßt uns aufschauen zu gewaltigen Impulsen, die durch die Menschheitsentwickelung wal­len. Und in unserer heutigen Zeit, wo durch die Weltereignisse wahr­haftig nicht ein Anlaß gegeben ist, in triviale Weihnachtsgedanken zu verfallen, wo durch das menschliche Herz so Schmerzvolles zieht, wo dieses menschliche Herz zurückschauen muß auf Millionen von Menschen, die den Tod gefunden haben in den letzten Jahren, hin­schauen muß auf unzählige Menschen, die hungern, in dieser Zeit ge­ziemt es sich wahrlich nicht anders, als hinzuschauen auf die mäch­tigen, den Menschen treibenden weltgeschichtlichen Gedanken, auf die man hingelenkt werden kann durch das Wort: «So ihr nicht wer­det wie die Kindlein...» und das man ergänzen kann durch das andere:
« Und so ihr nicht euer Leben verbringet in dem Lichte dieses Ge­dankens, so könnet ihr nicht eintreten in die Reiche der Himmel.»
Indem der Mensch als Kind in die Welt eintritt, kommt er unmittel­bar aus der geistigen Welt heraus. Denn das, was sich im physischen Leben vollzieht, die Erzeugung und das Wachstum seines physischen Leibes, das ist die Umkleidung desjenigen Ereignisses, das nicht an­ders bezeichnet werden kann als so, daß man sagt: Des Menschen tiefste Wesenheit geht heraus aus der geistigen Welt. Der Mensch wird aus dem Geiste heraus in den Leib hineingeboren. Und wenn der Rosenkreuzer sagt: Ex deo nascimur - so meint er den Menschen, in­sofern er in der physischen Welt auftritt. Denn dasjenige, was den Menschen zunächst umhüllt, was ihn zum physischen Ganzen hier auf dem Erdenrund macht, das ist dasjenige, was mit dem Worte Ex deo nascimur getroffen wird. Sieht man auf das Zentrum des Menschen, auf das eigentliche innere Mittelpunktswesen, dann muß man sagen:
Der Mensch wandert aus dem Geiste heraus in diese physische Welt herein. - Durch dasjenige, was sich in der physischen Welt abspielt,
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dem er zugeschaut hat aus den geistigen Landen vor seiner Empfäng­nis oder seiner Geburt, wird er urnkleidet mit seinem physischen Leibe, um in diesem physischen Leibe Dinge zu erleben, die eben nur im physischen Leibe erlebt werden können. Aber der Mensch kommt in seinem Mittelpunktswesen aus der geistigen Welt heraus. Und er ist so, daß er in den ersten Jahren seines physischen Daseins - für denjenigen, der die Dinge anschauen will so, wie sie sind in der Welt, der nicht geblendet ist durch Illusionen des Materialismus -, er ist so, dieser Mensch, daß er ankündigt noch in den ersten Jahren, wie er aus dem Geiste heraus gekommen ist. Dasjenige, was man am Kinde erlebt, stellt sich für den wirklich Einsichtigen so dar, daß man in ihm empfinden kann die Nachwirkung der Erlebnisse in der geistigen Welt.
Auf dieses Geheimnis wollen solche Erzählungen hinweisen wie die­jenige, die anknüpft an den Namen des Nikolaus von der Flüe. Eine Trivialanschauung, die stark beeinflußt ist von materialistischer Den­kungsart, die spricht in ihrer Einfalt, daß der Mensch nach und nach im Leben sein Ich entwickelt von der Geburt bis zum Tode hin, daß dieses Ich immer machtiger und immer starker wird, immer deutlicher hervortritt. Es ist eine einfältige Denkungsart. Denn sieht man hin auf das wahre Ich des Menschen, auf dasjenige, was zur physischen Umkleidung mit der Geburt des Menschen aus der geistigen Welt her­aus kommt, dann spricht man über diese ganze physische Entwicke­lung des Menschen anders. Dann weiß man nämlich, daß das wahre Ich des Menschen nach und nach, indem er physisch heranwächst in dem physischen Leib, aus dem Leib gerade herausverschwindet, daß es immer weniger und weniger deutlich wird, und daß dasjenige, was sich entwickelt hier in der physischen Welt zwischen Geburt und Tod, nur ein Spiegelbild geistiger Ereignisse ist, ein totes Spiegelbild eines höheren Lebens. Das ist die richtige Ausdrucksweise, daß man sagt: In den Leib hinein verschwindet nach und nach die ganze Fülle des menschlichen Wesens; sie wird immer unsichtbarer und unsichtbarer. Der Mensch lebt sein physisches Leben hier auf der Erde, indem er sich nach und nach an den Leib verliert, um sich im Tode im Geiste wiederzufinden. - So spricht derjenige, der die Verhältnisse kennt. Derjenige aber, der die Verhältnisse nicht kennt, spricht so, daß er
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sagt: Das Kind ist unvollkommen, und nach und nach entwickelt sich das Ich zu immer größerer und größerer Vollkommenheit, es wächst heraus aus den unbestimmten Untergründen des menschlichen Da­seins. - Die Erkenntnis desjenigen, was der Geistes sucher schaut, muß anders sprechen gerade auf diesem Gebiete, als da spricht das in äußere Illusionen verstrickte sinnliche Bewußtsein unserer heute noch immer materialistisch empfindenden Zeit.
Und so tritt dann der Mensch als Geisteswesen in die Welt ein. Sein Leibeswesen ist, indem er Kind ist, noch unbestimmt; es hat noch wenig in Anspruch genommen das Geistige, das wie hereinschläft in das physische Dasein, das aber nur deshalb uns so wenig inhaltsvoll er­scheint, weil wir es eben so wenig im gewöhnlichen physischen Leben wahrnehmen, wie wir das schlafende Ich und den schlafenden Astral­leib wahrnehmen, wenn sie vorn physischen und Ätherleib getrennt sind. Deshalb aber ist ein Wesen nicht unvollkommener, weil wir es nicht sehen. Das muß der Mensch mit seinem physischen Leibe er­kaufen, daß er sich immer mehr und mehr eingräbt in den physischen Leib, um durch dieses Eingraben Fähigkeiten zu bekommen, die nur auf diese Weise erlangt werden können, daß sich das Geist-Seelen-wesen des Menschen eine Zeitlang an das physische Dasein im physi­schen Leibe verliert. Daß wir uns an diesen unseren Geistursprung immerdar erinnern, daß wir erstarken in dem Gedanken: Wir sind aus dem Geiste herausgewandert in die physische Welt -, dazu steht der Weihnachtsgedanke wie eine mächtige Lichtsäule da innerhalb der christlichen Weltempfindung. Dieser Gedanke als Weihnachtsgedanke muß immer mehr und mehr erkrafret werden in der zukünftigen geistigen Entwickelung der Menschheit. Dann wird dieser Weih­nachtsgedanke für diese Menschheit wieder stark werden, dann wer­den die Menschen wiederum dem Weihnachtsfeste so entgegenieben können, daß sie Kraft für das physische Dasein schöpfen aus diesem Weihnachtsgedanken, der sie in rechtem Sinne an ihren Geistes-ursprung erinnern kann. So kraftvoll wie dieser Weihnachtsgedanke dann empfunden werden wird, so wird er heute noch wenig von den Menschen gefühlt; denn es ist eine merkwürdige, aber durchaus in den Gesetzen des geistigen Daseins begründete Tatsache, daß dasjenige,
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was in der Welt Menschen vorwärtsbringend, Menschen för­dernd auftritt, nicht gleich in seiner letzten Gestalt auftritt, daß es gewissermaßen zuerst tumultuarisch, wie von unrechtmäßigen Gei­stern der Weltentwickelung vorweggenommen, vor den Menschen tritt. Wir verstehen die geschichtliche Entwickelung der Menschheit nur in rechtem Sinne, wenn wir wissen, daß Wahrheiten nicht nur so genommen werden müssen, wie sie manchmal in die Weltgeschichte eintreten, sondern daß bei Wahrheiten hingeschaut werden muß auf die rechte Zeit, in der sie im rechten Lichte in die Menschheitsent­wickelung eintreten können.
Unter den mancherlei Gedanken, die in die neuere Menschheits­entwickelung - ganz gewiß angeregt durch den Christus4mpuls, aber in einer zunächst verfrühten Gestalt - hereingetreten sind, ist der tief christliche, aber einer immer weitergehenden Vertiefung fähige Ge­danke der Gleichheit der Menschheit vor der Welt und vor Gott, der Gleichheit aller Menschen. Aber man darf diesen Gedanken nicht in solcher Allgemeinheit hinstellen vor das Menschengemüt, wie ihn, als er zuerst tumultuarisch in die Menschheitsentwickelung eingetreten ist, die Französische Revolution hingestellt hat. Man muß sich bewußt sein, daß dieses Menschenieben von der Geburt bis zum Tode in Ent­wickelung ist, und daß die Hauptimpulse auf dieses Menschenleben verteilt sind. Fassen wir den Menschen ins geistige Auge, wie er in das sinnliche Dasein eintritt: er tritt voll ein in dieses sinnliche Da­sein, durchimpulsiert von dem Impuls der Gleichheit des Menschen-wesens aller Menschen. Und man empfindet das kindliche Dasein am allerintensivsten, wenn man hinblickt auf das Kind, das durchdrungen ist in seiner Wesenheit von dem Gedanken der Gleichheit aller Men­schen. Noch nichts, was die Menschen in Ungleichheit bringt, noch nichts, was die Menschen so organisiert, daß sie sich als verschieden von andern Menschen fühlen, noch nichts von alldem tritt im kind­lichen Dasein zunächst auf. Alles das wird dem Menschen erst gegeben im Laufe seines physischen Menschenlebens. Ungleichheit erzeugt das physische Dasein; aus dem Geiste heraus wandert der Mensch gleich vor der Welt und vor Gott und vor andern Menschen. So verkündet das Mysterium des Kindes.
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Und an dieses Mysterium des Kindes schließt sich an der Weih­nachtsgedanke, der in neuer christlicher Offenbarung seine Vertiefung finden wird. Denn diese neue christliche Offenbarung wird rechnen mit der neuen Trinität: dem Menschen, wie er die Menschheit un­mittelbar repräsentiert, dem Ahrirnanischen und dem Luziferischen. Und indem man erkennen wird, wie der Mensch hineingestellt ist in das Weltendasein als in den Gleichgewichtszustand zwischen dem Ahrimanischen und dem Luziferischen, wird man verstehen, was die­ser Mensch auch im äußeren physischen Dasein in Wirklichkeit ist.
Vor allen Dingen muß Verständnis fallen, christliches Verständnis fallen auf eine gewisse Seite dieses menschlichen Lebens. Laut wird es verkünden der christliche Gedanke in der Zukunft, was sich bei einzelnen Geistern seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, ich möchte sagen, in stammelnder Erkenntnis, wenn auch durchaus nicht deut­lich, schon angekündigt hat. Wenn man erfaßt, was eine Tatsache ist, daß das Kind mit Gleichheitsgedanken in die Welt hereintritt, daß aber später im Menschen, wie heraus aus dem Geborenwerden, Un­gleichheitskräfte sich entwickeln, die scheinbar nicht von dieser Erde sind, so tritt damit gerade gegenüber dem Gleichheitsgedanken ein neues gewaltiges Mysterium an den Menschen heran. Dieses Myste­rium zu durchschauen und durch das Durchschauen dieses Myste­riurns eine richtige Anschauung über den Menschen zu erlangen, das wird zu wichtigen und notwendigen Bedürfnissen in der zukünftigen menschlichen Seelenentwickelung von der Gegenwart ab gehören. Die Frage steht bange vor dem Menschen: Ja, die Menschen werden verschieden, wenn sie es auch noch nicht in der Kindheit sind, durch etwas, was scheinbar mit ihnen geboren ist, was im Blute liegt, durch ihre verschiedenen Begabungen und Fähigkeiten.
Die Frage der Begabungen und Fähigkeiten, welche so viele Un­gleichheiten unter den Menschen bewirken, sie tritt an den Menschen heran im Zusammenhang mit dem Weihnachtsgedanken. Und das Weihnachtsfest der Zukunft, es wird in ernster Weise den Menschen immerzu gemahnen an den Ursprung seiner ihn über die Erde hin differenzierenden Begabungen, Fähigkeiten, Talente, vielleicht sogar genialen Fähigkeiten. Er wird nach diesem Ursprung fragen müssen.
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Und das richtige Gleichgewicht innerhalb des physischen Daseins wird er nur erlangen, wenn er in der rechten Art auf den Ursprung seiner ihn von den andern Menschen unterscheidenden Fähigkeiten hin­weisen kann. Das Weihnachtslicht oder die Weihnachtslichter müssen der sich entwickelnden Menschheit Aufschluß geben über diese Fähig­keiten, müssen die große Frage lösen: Besteht Ungerechtigkeit inner­halb der Weltenordnung für den einzelnen persönlichen Menschen zwischen Geburt und Tod? Wie ist es mit den Fähigkeiten, mit der Begabung?
Nun, manches wird anders werden in der menschlichen Anschau­ung, wenn die Menschen mit dem neuen christlichen Empfinden durchdrungen sein werden. Verstehen wird man vor allen Dingen, warum die alttestarnentliche Geheirnanschauung eine besondere An­sicht hatte über das Prophetentum. Was waren sie im Alten Testa­ment, die auftretenden Propheten? Sie waren von Jahve geheiligte Persönlichkeiten; sie waren diejenigen Persönlichkeiten, die in recht­mäßiger Weise besondere Geistesgaben, die über die Menge hervor-ragten, gebrauchen durften. Jahve mußte erst heiligen diejenigen Fähigkeiten, welche dem Menschen wie durch das Blut eingeboren sind. Und wir wissen, Jahve wirkt auf den Menschen vom Einschla­fen bis zum Aufwachen. Wir wissen, Jahve wirkt nicht herein in das bewußte Leben. Jeder wirkliche Bekenner des Alten Testamentes sagte sich in seinem Gemüte: Dasjenige, was die Menschen unter­scheidet hinsichtlich ihrer Fähigkeiten und Begabungen, was sich in den Prophetennaturen sogar zu genialer Höhe erhebt, es ist zwar mit dem Menschen geboren, aber der Mensch wendet es nicht zum Guten an, wenn er nicht einschlafend untersinken kann in jene Welt, in der Jahve seine Seelenimpulse lenkt und dasjenige, was physische Be­gabung, an dem Leibe hängende Begabungen sind, von der geistigen Welt aus umwandelt. - Auf ein tiefstes Geheimnis des alttestament­lichen Anschauens weisen wir dabei hin. Die alttestamentliche An­schauung, auch die Anschauung über das Prophetenturn, sie muß dahingehen. Neue Anschauungen müssen zum Heile der Menschheit in die weltgeschichtliche Entwickelung eintreten. Dasjenige, wovon die alten Hebräer glaubten, daß es geheiligt werde durch Jahve im
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bewußtlosen Schlafzustand, das muß in der neueren Zeit der Mensch iähig werden zu heiligen, während er wach ist, bei vollem Bewußt-sein. Das aber kann er nur, wenn er weiß, daß auf der einen Seite alles dasjenige, was natürliche Begabungen, Fähigkeiten, Talente, Genies vielleicht sind, luziferische Gaben sind, die luziferisch in der Welt wirken, solange sie nicht geheiligt und durchdrungen werden von alldem, was als Christus-Impuls in die Welt eintreten kann. Ein ungeheuer bedeutungsvolles Mysterium der neueren Menschheits­entwickelung berührt man, wenn man den Keim des neuen Weih­nachtsgedankens erfaßt und hinweist darauf, daß der Christus ver­standen und empfunden werden muß von den Menschen so, daß die Menschen nun als neutestamentliche Menschen vor dem Christus ste­hen und sagen: Ich habe zu der Gleichheitsprätention, zu der Gleich­heitsaspiration des Kindes hinzubekommen die verschiedenen Fähig­keiten und Begabungen und Talente. Sie führen aber auf die Dauer nur zum Guten, zum Heile des Menschen, wenn diese Begabungen, diese Talente, diese Fähigkeiten gestellt werden in den Dienst des Christus Jesus, wenn der Mensch anstrebt, sein ganzes Wesen zu durchchristen, damit Luzifer entrissen werden die menschlichen Be­gabungen, Talente, Genies.
Das durchchristete Gemüt entreißt Luzifer dasjenige, was sonst luziferisch im physischen Dasein des Menschen wirkt. Das muß als starker Gedanke hindurchgehen durch die künftige Entwickelung der menschlichen Seele. Das ist der neue Weihnachtsgedanke, die neue Verkündigung von der Wirksamkeit des Christus in unserer Seele zur Umwandlung des Luziferischen, das in uns nicht hineinkommt, in-sofern wir aus dem Geiste heraus wandern, sondern das wir in uns dadurch finden, daß wir mit einem blutdurchdrungenen physischen Leib umkleidet werden, der uns aus der Vererbung heraus die Fähig­keiten gibt. Innerhalb der luziferischen Strömung, innerhalb desjeni­gen, was in der physischen Vererbungsströrnung wirkt, treten diese Eigenschaften auf, aber gewonnen, erobert wollen sie sein während des physischen Lebens von dem, was der Mensch nun nicht durch Jahve-Inspirationen im Schlafe, sondern in vollem Bewußtsein, durch Ausnützung seiner Erlebnisse an dem Christus-Impuls empfinden
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kann. Wende dich hin, 0 Christ, zu dem Weihnachtsgedanken - so redet das neue Christentum - und bringe dar auf dem Altare, der zu Weihnacht aufgerichtet wird, alles dasjenige, was du an Menschen-differenzierung empfängst aus dem Blute heraus, und heilige deine Fähigkeiten, heilige deine Begabungen, heilige selbst dein Genie, in­dem du es beleuchtet siehst von dem Lichte, das von dem Weih­nachtsbaum ausgeht.
In neuen Worten muß sprechen die neue Geistverkündung, und wir müssen nicht stumpf und gehörlos sein gegenüber dem, was in unserer von Ernst durchdrungenen Zeit an neuen Offenbarungen des Geistes zu uns spricht. Dann, wenn wir so empfinden, dann leben wir auch mit jener Kraft, mit der heute der Mensch leben soll, um die großen Aufgaben zu lösen, die der Menschheit gerade in unserem Zeitalter gestellt sein werden. Empfunden werden muß die ganze Schwere des Weihnachtsgedankens: In unserem Zeitalter muß in das volle wache Bewußtsein hereintreten das, was der Christus zu den Menschen sagen wollte, als er die Worte sprach: « So ihr nicht werdet wie die Kindlein, so könnet ihr nicht eintreten in die Reiche der Him­mel.» Der Gleichheitsgedanke, den das Kind offenbart, wenn wir es in richtigem Sinne anschauen, der wird nicht Lügen gestraft durch diese Worte; denn das Kind, an dessen Geburt wir uns in der Weih­nachtsnacht erinnern, verkündet - den Menschen in ihrer Entwicke­lung durch die Weltgeschichte immer neue Gedanken offenbarend -klar und deutlich, daß in das Licht des Christus, der durchseelt hat dieses Kind, gerückt werden muß dasjenige, was wir an uns differen­zierenden Begabungen tragen, daß auf dem Altare dieses Kindes dar-gebracht werden muß dasjenige, was diese verschiedenen Begabungen aus uns Menschen machen.
Fragen können Sie nun, angeregt durch den Ernst des Weihnachts-gedankens: Wie erfahre ich den Christus-Impuls in meiner eigenen Seele? - Oh, der Gedanke, er liegt in dem Menschen oftmals schwer!
Nun, nicht in einem Augenblick, nicht so, daß man sagen kann, unmittelbar, stürmisch pflanzt sich das in unsere Seele ein, was wir als den Christus-Impuls bezeichnen können. Und zu verschiedenen Zeiten pflanzt es sich verschieden ein. Heute hat der Mensch durch
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sein volles, lalares, waches Bewußtsein aufzunehmen solche Welten-gedanken, wie sie stammelnd mitzuteilen versucht werden durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, zu der wir uns be­kennen. So wie diese Gedanken sich ihm ankündigen, wenn er sie recht versteht, können sie das Vertrauen in ihm erwecken, daß auf den Flügeln dieser Gedanken die neue Offenbarung, das heißt der neue Christus-Impuls unserer Zeit, wirklich in ihn einzieht. Und er wird ihn verspüren, wenn er nur darauf aufmerksam sein will, dieser Mensch!
Versuchen Sie es, so wie es hier gemeint ist, recht lebendig im heu­tigen zeitgemäßen Sinne, die Geistgedanken der Weltenlenkung in sich aufzunehmen; versuchen Sie sie aufzunehmen nicht bloß wie eine Lehre, nicht bloß wie eine Theorie, versuchen Sie sie aufzunehmen so, daß sie diese Ihre Seele im tiefsten Inneren bewegen, erwärmen, durchleuchten und durchströmen, daß Sie sie lebendig tragen. Ver­suchen Sie, diese Gedanken in solcher Stärke zu empfinden, daß sie Ihnen sind wie etwas, was wie durch den Leib in Ihre Seele eintritt und den Leib verändert. Versuchen Sie, alle Abstraktionen, alles Theoretische von diesen Gedanken abzustreifen. Versuchen Sie, dar­auf zu kommen, daß diese Gedanken solche sind, welche eine wirk­liche Speise der Seele sind, versuchen Sie, darauf zu kommen, daß durch diese Gedanken nicht bloß Gedanken in Ihre Seele einziehen, sondern daß geistiges Leben, das herauskommt aus der geistigen Welt, durch diese Gedanken in unsere Seele einzieht. Machen Sie sich intim innerlichst eins mit diesen Gedanken, und Sie werden ein Dreifaches bemerken. Sie werden bemerken, daß diese Gedanken allmählich et­was in Ihnen selber austilgen, was insbesondere in unserer Zeit des Bewußtseinsseelenzeitalters so deutlich in die Mensi:henseelen herein-zieht: daß diese Gedanken, mögen sie sonst wie immer lauten, aus-tilgen im Menschen die Selbstsucht! Wenn Sie zu bemerken anfangen: diese Gedanken töten den Egoismus, lähmen die Selbstsucht -, dann, meine lieben Freunde, haben Sie verspürt das Durchchristete der anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Gedanken. Und wenn Sie zweitens verspüren, daß in dem Augenblick, wo irgend­wie in der Welt an Sie herantritt die Unwahrhaftigkeit, entweder in­dem Sie selber versucht werden, es mit der Wahrheit nicht genau zu
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nehmen, oder von anderer Seite Ihnen die Unwahrhaftigkeit entgegen-tritt, wenn Sie verspüren, daß in dem Augenblicke, wo die Unwahr­haftigkeit in Ihre Lebenssphäe hereintritt, warnend oder auf die Wahrheit hinweisend, ein Impuls dasteht neben Ihnen, der die Un­wahrheit nicht in Ihr Leben hereintreten lassen will, der Sie immerzu mahnend auffordert, mit der Wahrheit es zu halten: dann verspüren Sie wiederum gegenüber dem zum Scheine heute so vielfach neigen-den Leben den lebendigen Christus-Impuls. Der Mensch wird nicht leicht gegenüber den anthroposophisch orientierten Geistgedanken lügen können oder keine Empfindung haben für den Schein und die Unwahrheit. Ein Wegweiser zum Wahrheitsempfinden, von allem übrigen Verständnis abgesehen, er kann von Ihnen gefühlt werden in den Gedanken der neuen christlichen Offenbarung. Wenn Sie es da­hin bringen, nicht bloß theoretisches Verständnis zu suchen für die Geisteswissenschaft, wie man es für eine andere Wissenschaft sucht, sondern wenn Sie es dahin bringen, daß die Gedanken so in Sie ein­dringen, daß Sie fühlen: Es ist so, indem diese Gedanken mit meiner Seele intim werden, wie wenn sich eine zur Wahrheit mahnende Ge­wissensmacht neben mich hinstellte, dann haben Sie den Christus-Im­puls in der zweiten Art gefunden. Und wenn Sie drittens auch noch fühlen, daß ausströmt von diesen Gedanken etwas bis in den Leib hinein, aber insbesondere in der Seele Wirkendes, Krankheit Über­windendes, den Menschen Gesundmachendes, Frischmachendes, wenn Sie verspüren die verjüngende, erfrischende krankheitsfeindliche Kraft dieser Gedanken: dann haben Sie den dritten Teil des Christus-Im-pulses dieser Gedanken empfunden. Denn das ist es, wonach die Menschheit mit der neuen Weisheit, mit dem neuen Geiste strebt: aus dem Geiste selber heraus die Möglichkeit zu finden, Selbstsucht zu überwinden, den Schein des Lebens zu überwinden; Selbstsucht durch Liebe, den Schein des Lebens durch die Wahrheit, das Krankmachende durch die gesunden Gedanken, die uns unmittelbar in Einklang ver­setzen mit den Harmonien des Weltenalls, weil sie aus den Harmonien des Weltenalis stammen.
Nicht alles von dem Gesagten kann heute schon erreicht werden, denn der Mensch trägt ein altes Erbgut in sich herum. Und nur unverständig
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ist es, wenn zum Beispiel solche geistige Hinterstuben­politiken wie die Christian Science den Gedanken des Gesundmachen­den des Geistes zur Karikatur verzerren. Aber wenn auch der Ge­danke wegen des alten Erbgutes heute noch nicht mächtig genug sein kann, um vielleicht dasjenige, was der Mensch durch ihn wünscht, selbstsüchtig wünscht, zu erreichen, er ist ein Gesundendes. In diesen Dingen denkt man nur immer verkehrt. Es kann Ihnen jemand sagen, der die Dinge versteht: Dich machen gewisse Gedanken gesund -, der Betreffende wird dann in einem bestimmten Zeitpunkt von dieser oder jener Krankheit befallen. - Ja, daß wir heute noch nicht von allen Krankheiten genesen können durch bloßen Gedankeneinfluß, das ist eine alte Erbschaft. Aber vermöchten Sie zu sagen, welche Krankheit Sie bekommen hätten, wenn Sie diese Gedanken nicht ge­habt hätten? Vermöchten Sie zu sagen, daß Ihr Leben in ebensolcher Gesundheit verlaufen wäre, wenn Sie die Gedanken nicht gehabt hät­ten? Vermögen Sie zu sagen bei einem Menschen, der sich anthropo­sophisch orientierter Geisteswissenschaft zugewendet hat und fünf­undvierzig Jahre alt geworden ist: Nun ist er mit fünfundvierzig Jah­ren gestorben - wenn Sie nicht den Beweis liefern können, daß er ohne diese Gedanken mit zweiundvierzig, mit vierzig Jahren gestor­ben wäre? Der Mensch denkt immer von der verkehrten Seite, wenn er sich so diesen Gedanken nähert. Der Mensch sieht auf dasjenige hin, was ihm nicht gegeben werden kann, vermöge seines Karma; er sieht nicht auf dasjenige hin, was ihm gegeben wird vermöge seines Karma. Aber wenn Sie trotz allem, was in der äußeren physischen Welt widerspricht, hinblicken durch die Kraft inneren Vertrauens, das Sie durch intimere Bekanntschaft mit den Gedanken der Geistes­wissenschaft gewinnen, dann verspüren Sie auch das Gesundende, das bis in den physischen Leib hinein Gesundende, Erfrischende, Ver­jüngende als das dritte Element, als das Element, das der Christus als Heiland mit seinen immer dauernden Offenbarungen in die mensch­liche Seele hineinbringt.
Wir wollten uns vertiefen, meine lieben Freunde, in den Weihnachts-gedanken, der so nahe zusammenhängt mit dem Mysterium der Men­schengeburt. Dasjenige, was uns heute aus dem Geiste geoffenbart
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wird als die Fortführung des Weihnachtsgedankens, mit einigen Stri­chen wollten wir es vor unsere Seele führen. Fühlen können wir, daß es ein Stärkendes ist, daß es ein Tragendes im Leben ist. Fühlen kön­nen wir, daß es uns hineinstellt in die Impulse der Weltenentwicke­lung, was auch kommen mag, so daß wir uns eins fühlen können mit diesen göttlichen Impulsen der Weltenentwickelung, daß wir sie ver­stehen können, daß wir Kraft schöpfen können für unseren Willen aus diesem Verstehen, Licht schöpfen können für unser Vorstellungs­leben aus diesem Verstehen. Der Mensch ist in Entwickelung; un­recht wäre es, diese Entwickelung zu leugnen. Recht ist es allein, mit dieser Entwickelung zu gehen. - Der Christus hat auch gesagt: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende des Erdeniaufes.» Das ist nicht eine Phrase, das ist eine Wahrheit. Der Christus hat sich nicht nur geoffenbart durch die Evangelien, der Christus ist bei uns, der Chri­stus offenbart sich fortwährend. Ohren sollen wir haben, hinzuhören auf dasjenige, was er in neuen Zeiten immer neu offenbart. Schwach kann es uns machen, wenn wir keinen Glauben haben an diese neuen Offenbarungen; stark wird es uns aber machen, wenn wir ihn haben.
Stark wird es uns machen, wenn wir den Glauben haben an diese neuen Offenbarungen, und tönten sie auch aus den scheinbar wider­sprechenden Schmerzen und dem Unglück des Lebens heraus. Mit unserer eigenen Seele gehen wir durch wiederholte Erdenleben, in denen sich unser Schicksal vollzieht. Zu diesem Gedanken selber, der das Geistige hinter dem äußeren physischen Leben verspüren läßt, kommen wir nur, wenn wir im rechten christlichen Sinne die sich fortsetzenden Offenbarungen in uns aufnehmen. Der Christ, der rechte Christ soll im Sinne unserer Zeit dann, wenn er die Lichter des Weih­nachtsbaurnes vor sich hat, mit den stärkenden Gedanken beginnen, die heute aus der neuen Weltenoffenbarung ihm kommen können zur Erkraftung seines Willens, zur Durchleuchtung seines Vorstellungs­lebens. Und er soll sich erfühlen so, daß er mit der Kraft und mit dem Lichte dieses Gedankens sich nähern kann im christlichen Jahre dem andern Gedanken, der an das Mysterium des Todes mahnt: dem Ostergedanken, der das Enderlebnis des menschlichen irdischen Da­seins als ein Geistiges vor unsere Seele hinstellt. Den Christus werden
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wir immer mehr und mehr empfinden, wenn wir vermögen, unser eigenes Dasein mit seinem Dasein in das rechte Verhältnis zu setzen. Der an das Christentum anknüpfende mittelalterliche Rosenkreuzer sagte: Ex Deo nascimur, In Christo morimur, Per Spiritum Sanctum reviviscimus. - Aus dem Göttlichen sind wir geboren, indem wir uns als Menschen hier auf dem Erdenrund betrachten. In dem Christus sterben wir. In dem Heiligen Geiste werden wir wiederum auferweckt werden. - Doch das bezieht sich auf unser Leben, auf unser mensch­liches Leben. Blicken wir von unserem Leben auf das Leben des Christus hin, so haben wir das, was in unserem Leben als Spiegelbild sich darstellt: Aus dem Göttlichen sind wir geboren, in dem Christus sterben wir, durch den Heiligen Geist werden wir wieder auferweckt werden. - Wir können es als die Wahrheit des als unser erster Bruder unter uns lebenden Christus so aussprechen, daß wir es nun als von ihm ausstrahlende, in unserer menschlichen Wesenheit gespiegelte Christus-Wahrheit empfinden: Aus dem Geiste ward Er gezeugt - wie es im Lukas-Evangelium steht, in dem Symbolum der herabsteigen­den Taube dargestellt wird -, aus dem Geiste ward Er gezeugt, in dem Menschenleibe starb Er, in dem Göttlichen wird Er wieder er­stehen.
Die Wahrheiten, die ewige sind, nehmen wir nur im rechten Sinne wahr, wenn wir sie in ihrer gegenwärtigen Spiegelung sehen, nicht nur verabsolutiert, verabstrahiert in einer Form. Und wenn wir uns fühlen als Mensch nicht nur im abstrakten Sinne, sondern als Mensch so recht darinstehend in einer Zeit, in der es unsere Pflicht ist, aus der Zeit heraus zu handeln und zu denken, dann werden wir den Christus, der bei uns ist alle Tage bis ans Ende des Erdeniaufes, zu vernehmen versuchen in seiner gegenwärtigen Sprache, wie er uns über den Weih­nachtsgedanken belehrt, erleuchtet, mit dem Weihnachtsgedanken durchkraftet. Dann werden wir diesen Christus in seiner neuen Sprache in uns aufnehmen wollen, denn verwandt muß der Christus uns wer­den. Dann können wir die rechte Christus-Aufgabe auf dem Erden-runde und nach dem Tode durch uns selber erfüllen. Der Mensch jedes Zeitalters muß in seiner Art den Christus in sich aufnehmen. Die Menschen empfanden das, wenn sie im rechten Sinne hinblickten
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auf die beiden großen starken Geistsäulen, auf den Weihnachtsgedan­ken und den Ostergedanken. So hat der tiefsinnige deutsche Mystiker, der schlesische Angelus, Ängelus Silesius, hinblickend auf den Weih­nachtsgedanken, gesagt:

Wird Christus tausendmal zu Bethiehem geboren
Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.

Und hinblickend auf den Ostergedanken:

Das Kreuz zu Golgatha kann dich nicht von dem Bösen,
Wo es nicht auch in dir wird aufgericht't, erlösen.

Wahrhaftig, det Christus muß in uns leben, da wir Menschen nicht im absoluten Sinne, sondern Menschen einer bestimmten Zeit sind. Der Christus muß in uns geboren werden so, wie seine Worte durch unser Zeitalter tönen. Den Christus müssen wir versuchen, in uns zu gebären, zu unserer Stärkung, zu unserer Durchleuchtung, so wie er jetzt bei uns geblieben ist, wie er bei den Menschen bleiben will durch alle Zeiten bis ans Ende der Erdentage, wie er jetzt in unserer Seele geboren werden will. Wenn wir also versuchen, in unserer eigenen Seele die Geburt des Chritus zu erleben am heutigen Tage, wie sie hereinleuchtet und hereinkraftet in unsere Seele als das ewige Licht und die ewige Kraft in die Zeit, dann sehen wir in richtiger Weise auf die historische Geburt des Christus in Bethiehem und auf ihr Ab­bild in unserer eigenen Seele hin.

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.

So wie er es uns heute in die Seele legt, hinzublicken auf diese seine Geburt, seine Geburt im Menschengeschehen, seine Geburt in unserer eigenen Seele, so vertiefen wir uns recht in den Weihnachtsgedanken. Und dann blicken wir hin auf jene Weihenacht, die wir aufgehen fühlen sollten für eine neue Erkraftung und Erleuchtung der Menschen
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auf mancherlei Übel und Schmerzen hin, die in der Gegenwart sie durchbebt haben und sie noch durchbeben werden.
«Mein Reich», so sagt der Christus, «ist nicht von dieser Welt.» Ein Wort, das uns auffordert, wenn wir auf seine Geburt im rechten Sinne hinblicken, in unserer eigenen Seele zu finden den Weg nach jenem Reiche, wo Er ist, uns zu erkraften, wo Er ist, uns zu erleuch­ten, wenn es finster und kraftlos werden will, aus den Impulsen, die aus jener Welt sind, von der Er selber sprach, von der immerdar sein Erscheinen in der Weihenacht künden will. « Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» Aber Er hat dieses Reich in diese Welt gebracht, so daß wir aus diesem Reiche immer Kraft, Trost, Zuversicht und Hoffnung in allen Lebenslagen werden finden können, wenn wir nur zu Ihm kommen wollen, seine Worte beherzigend, solche Worte wie diese: «Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, werdet ihr nicht ein­treten in die Reiche der Himmel.»

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